Dem Kindesalter gemäßes Lernen
Der Unterricht an der Waldorfschule orientiert sich sehr an den Entwicklungsstufen eines Kindes und versucht so, sich am Kindesalter zu orientieren.
Die Schulzeit an der Waldorfschule ist in drei Stufen gegliedert. Unter- und Mittelstufe bilden die Klassenlehrerzeit (Klasse 1 bis 8). Während dieser Zeit unterrichtet ein Klassenlehrer alle Hauptfächer und wird von Fachlehrern unterstützt.
Ab der 9. Klasse treten die Schüler in die Oberstufe ein. Von da an wird der Unterricht von Fachlehrern übernommen und die Klasse von einem Klassenbetreuer begleitet.
An Waldorfschulen spielen das Kindesalter und die kindliche Entwicklung der Schülerinnen und Schüler eine übergeordnete Rolle und beeinflussen so auch die Unterrichtsinhalte. Einen Einblick in diese erhalten Sie nachfolgend für die Klassen 1 bis 8 (die Inhalte zu den Klassen 9 und 10 werden nachgereicht):

Auf den Tag der Einschulung der 1. Klasse fiebert die gesamte Schulgemeinschaft jedes Jahr hin. So ist dieser Anfang für alle Beteiligten etwas Besonderes. In einer Feier spricht der Klassenlehrer(in) das 1. Mal zu seinen Schülern, die ihm meist für acht gemeinsame Jahre anvertraut sind. Ist die neue Klasse gebildet und durch Darbietungen aus dem Unterricht der älteren Schüler reichlich beschenkt worden, bringen die Paten (unsere 7. Klasse) die Erstklässler in ihr Klassenzimmer. Dort findet dann die erste richtige Schulstunde statt, während die Eltern und Verwandten durch andere Schuleltern verpflegt und betreut werden.
So wie dem 1. Schultag, wohnt dem ganzen Schuljahr ein besonderer Duktus inne. Die neue Lernwelt wird dabei vom Lehrer nicht künstlich vereinfacht oder zu stark abstrahiert. Wir möchten die Kinder in einem Klima aufwachsen lassen, in welchem sie ganz Kind sein dürfen mit ihren noch gefühlsmäßigen, instinktiven Bezügen zu allen Vorgängen um sie herum. Die Urbildlichkeit des Lebens, die jedem Menschen ohne große Erklärung zugänglich ist, soll in deutlichen unverstellten Charakterbildern an sie herantreten. Aus ihrer altersgemäßen Nachahmung heraus tauchen die Kinder selbstverständlich darin ein und eignen sich die Lerninhalte spielerisch an, da sie ihrer Wesensart nicht fremd sind. Für uns Erwachsene ist dies am exemplarischsten anhand der Märchen erlebbar. Diese sind somit auch ein Bestandteil der Erzählungen der Unterrichtenden.
Die einzelnen Buchstaben werden mit Hilfe einer Geschichte, in der das Erleben der Laute zum Bild sich verdichtet hat, herausgelöst und schrittweise abstrahiert. Werden dann bald ganze Worte und Sätze geschrieben, entdeckt das eine oder andere Kind vielleicht darin schon Gelerntes und hat, ohne es selbst zu bemerken: gelesen. Lesen heißt damit – Wiedererkennen von Erlebtem nach langem Prozess! (Nicht Lernen von unbekannten Dingen). Die im Unterricht schon gelernten Sprüche und Liedtexte werden dann im Laufe des Schuljahres mit großen lateinischen Druckbuchstaben geschrieben. Vielleicht gestalten die Eltern für ihre Kinder ein erstes Lesebuch, welches die noch unbeholfenen Leser als kostbaren Schatz doppelt wertschätzen.
Alle vier Rechenarten, zunächst das Zählen erüben wir rhythmisch und gedächtnisfordernd und fördernd aus den Kräften, die jedem Menschen zugrunde liegen. Kleine Rechengeschichten lassen die Zahlenwelt zunächst bis 20, dann bis 100 auch gefühlsmäßig erleben. Da werden Nüsse oder Kastanien z.B. zu still verharrenden Tieren, die gerade für den Moment des Zusammenzählens warten, ehe sie wieder (im Säckchen) verschwinden oder kleine Holzscheiben zu Papas Werkzeug, welches ausgeliehen wird. Kleine Steine gestalten sich zu wertvollen Edelsteinen, die der König in seinen Schatztruhen ordnen lässt oder selber gerecht verteilt.… Die Multiplikationsreihen werden begonnen.
Als Gegengewicht zum gedanklichen Arbeiten wird mit Händen (manchmal auch mit Füßen) die künstlerische Welt der Formen und Farben erobert und ihre Kräfte durch Plastizieren mit Ton oder Wachs, Malen und Zeichnen erlebt. Vieles wird mit dem ganzen Körper, dem Bewegungsdrang in diesem Alter Folge leistend, im Klassenzimmer gelaufen, dabei jede Krümmung und Streckung, die beim bloßen Zeichnen unbemerkt bliebe, erfühlt, oder mit der „Zauberkreide“ in die Luft, bzw. mit den Fingern und der Kreide auf die kleinen Tafeln gemalt. Von der großen Bewegung verkleinert sich die Form dann in Heftgröße. So manche Farbgeschichte, in der sich z.B. zwei oder drei Farbpersönlichkeiten miteinander unterhalten oder etwas unternehmen, will von den Erstklässlern eifrig auf eigenem Aquarellpapier mit Pinsel und aufgelöster Wasserfarbe nachgespielt werden, oft mit Anteil nehmendem Jauchzen oder Mitleiden.
So dürfen die Kinder ihr Eingewachsensein mit allem Sicht- und Unsichtbaren (Elfen, Gnome, Zwerge, Riesen, .…) ausleben. Sie dürfen ihre Welt im Musikunterricht durch die pentatonische Flöte oder Harfe hervorlocken, von ihr in kleinen Gesprächen oder Alltagsbegebenheiten sprechen hören, sogar mit neuem Wortschatz im Englisch- und Französischunterricht in Sprüchen, Liedern und Theaterstücken spielen. Der Spielturn- und Eurythmieunterricht pflegt diese Welt durch Bewegungsspiele. Die Geschicklichkeit der Hände wird tüchtig mit Fingerspielen und mit Hilfe des Strickens in der Handarbeit herangebildet.
Da die selbstverständliche Verbundenheit mit der Natur mehr und mehr in der Gesellschaft verschwindet, dienen in den ersten Jahren regelmäßige Ausflüge in ein der Schule angegliedertes Waldstück gemeinsamen vertiefenden Erlebnismöglichkeiten mit Stein, Pflanze und Tieren, sowie aller Kreatur, die die Kinderseele liebt. Soziale Gewohnheiten und Freundschaften im und außerhalb des Klassengefüges werden angelegt und der kindlichen Phantasie Raum gegeben.
Damit ist ein solides Fundament für die nächsten aufbauenden Schuljahre gegeben.
Festigen und Steigern des Gelernten

In der 2. Klasse können wir Gelerntes wiederholen, freudig wiedererkennen und aufgreifend fortführen. Plötzlich zeigen sich Verbindungen und Beziehungen, die für einen Erstklässler noch verborgen waren. Die Grundformen verlieren ihre Statik und gewinnen an Leben.
Aus den großen lateinischen Druckbuchstaben lernen wir die geschwungenen, geschmeidigen Verwandten der Schreibschrift kennen. Neugierig verbinden die Schüler die vorangehenden großen Buchstaben-„Erwachsenen“ mit den folgenden kleinen „Kindern“ und staunen wie sich die einzelnen „Freundschaften“ darleben. Da gibt es (im Deutschen) treue Kameraden ( z.B. das a und das u, das e mit dem u, oder mit dem i) oder aber schüchterne oder hartnäckige Buchstabenkinder, die sich selten anfassen wollen (das a und das o, sowie das ai bei den Vokalen).
Durch eigene einfache Aufzeichnungen von Gehörtem entdecken und erobern sich die Zweitklässler ihre Sprachwelt. Gleichzeitig erüben sie damit die erste Grammatik der drei grundlegenden Wortarten und den einfachen Satzaufbau.
Beim Rechnen bauen wir auf den Zahlenindividualitäten des ersten Zehners und Hunderters auf. Wieder gilt es, Bekanntes zu festigen und durch das Bemerken von neuen Ordnungen und Gesetzmäßigkeiten das Zahlensystem zu erweitern. Welche geometrische Formen in einer Multiplikationsreihe verborgen liegen, können wir untersuchen und dabei ihr ganz spezielles Wesen und ihre Schönheit bewundern.
Die Seele des Kindes verbindet sich auf diese Weise mit der Zahlenwelt und hat nicht nüchterne Ziffern vor sich, mit denen es nicht in Verbindung steht. Viel wird im Kopf gerechnet, u. a. auch das kleine Einmaleins (soweit man kommt), welches mit Hilfe von Klatschen, Springen, Ballwerfen auf bewegungsmäßige und rhythmische Weise „einverleibt“ wird.
Beim Zeichnen, welches durchaus bereits als Vorbereitung auf die Geometrie der 5. Klasse verstanden werden kann, verändern sich jetzt die einfachen Formen, indem sie in alle möglichen Richtungen gespiegelt werden. Was eben noch als leichter Erstklass-Stoff schien, wird flugs zu einer anspruchsvollen Festigung des Erlernten mit Variationssteigerung. Wieder werden die Gebilde vorher im Raum gelaufen, diesmal mit einem Partner, der mit den Füßen gleichzeitig mit seinem Doppel die entgegengesetzten Spiegelform auf den Boden zeichnet. Für das leibliche und seelische Gleichgewicht eine großartige Übung.
Das oft in diesem Alter ungezügelt ausbrechende Verhalten, welches Ausdruck einer Loslösung von alten Gewohnheiten und unsicheres Ertasten einer neuen Welt ist, erfährt hier eine unvermutete Harmonisierung.
Ähnliches geschieht durch den Erzählstoff der Tierfabeln und der Heiligenlegende.
Alle Fächer führen ihre Themen weiter. Der Religionsunterricht tritt neu hinzu. Wir gliedern die Gruppen nach ihren Konfessionen (evangelisch/katholisch) und freichristlich.
Erste Individualisierung
Ist das 1. Schuljahr weitgehend noch ein Ausdruck des nachlassenden Kindergartenalters gewesen, das 2. Jahr ein unsicheres, unbewusstes Suchen nach Neuem, so kommt das Kind im Laufe der 3. Klasse mehr und mehr zu sich selbst. Es setzt sich in diesem und nächsten Jahr von seiner Umgebung und den Mitschülern deutlicher ab.
Zum ersten Mal scheint es sein eigenes Wesen zu erleben, getrennt von der Welt, in der es bislang nachahmend verschmolzen war. Manchmal weiß der Neunjährige blitzartig etwas von seinem späteren Schicksal, welches oft hernach so eintritt. Berufsvisionen tauchen auf. Dieser Weg zum eigenen Innern kann mit Staunen, jedoch auch mit Ängsten und leiblichen Beschwerden einhergehen. Die Erwachsenen werden genauer auf ihre Echtheit geprüft.
Das plötzliche Siezen des Lehrers ist nur ein Ausdruck dieses Prozesses. Aus den gewöhnlichen Alltäglichkeiten, in denen es seit seiner Geburt völlig unbewusst gelebt hat, erwacht es und damit die unterschwelligen Fragen zu seiner Herkunft, der aller Menschen und der gesamten Welt. Der Klassenlehrer erzählt, dies wissend, die welt- und kulturgeschichtlichen Schilderungen des Alten Testamentes.
Das Kind hört von der Schöpfung, von dem anfänglichen Geführtwerden und späteren Selberringen bis hin zum selbständig lebenden Volk Israel. Und wer wollte sich nicht mit den einzelnen Führungspersönlichkeiten der Menschheit identifizieren, wenn die Wortgewalt des Lehrers sie in Gestalt eines Moses, Elias oder Salomo zur Erscheinung bringt.
Oft ist in jeder Klasse ein kleiner gewitzter „David“, der sich eines „Riesen“ erwehren muss oder ein weisheitsvoller Rater, der prophezeit. Das alte Testament wird damit zum Erziehungsbuch losgelöst von allen Konfessionen. Das Sprechen von den hebräischen Schöpfungsworten und von Psalmen dürfen Kraft und Zuversicht gebend nicht fehlen. Gerne werden auch eigene Psalme geschrieben, selbstverständlich die Welt um sich herum mit kindlichen Worten lobend, preisend oder dankend.
Gerne stellt sich das Kind nun auch der Klasse gegenüber, sei es um alleine vorzusingen, zu flöten oder vorzulesen. Mit diesem Schritt des Fußfassens in die Gegebenheiten der Gesellschaft interessiert sich der Drittklässler mehr und mehr für die Grundlagen des Lebens und für die Arbeit des Menschen.
Da kann es sein, dass der Lehrer in der Sachkunde eines Tages mit den Kindern einen Acker pflügt und Roggen sät. Durch eigenes Tun sollen sie den langen Weg von der Saat zur Ernte, vom Dreschen, Mahlen, Backen bis zum Verzehren des Brotes erleben, über ein ganzes Jahr bis in die 4. Klasse hinein. Die Grundgetreidearten werden in ihrem individuellen Charakter zu unterscheiden gelernt und auch der Geschmack derselben darf nicht fehlen.
Ein anderes Mal steht ein Spaziergang durch die Stadt an. Immer wieder werden die Fortschritte bei einem Hausbau beobachtet und besprochen: Wie ein Rädchen ins andere greift, wie tüchtig und geschickt die Hände zusammen schaffen. Die verschiedenen Mauerverbände werden dann im Klassenzimmer geübt und damit für nächste Zeit der bewusstere Blick auf jede Mauer der Umgebung gewährleistet. Auch die Zusammensetzung des Mörtels wird besprochen.
Manchmal baut jedes Kind in Miniatur sein eigenes Traumhaus oder die Klasse darf, je nach momentanen Möglichkeiten eine kleine Hütte, eine Mauer oder Sitzbank bauen, womöglich mit selbstgesuchten Steinen.
Gerne wird auch so manchem Handwerker über die Schulter geschaut, z.B. dem orthopädischen Schuster, der uns die einzelnen Arbeitsschritte hin zum fertigen Schuh zeigt, einem Buchbinder, unter dessen Anleitung eigene Hefte gebunden werden, oder der Schneiderin um die Ecke, die mit allen Kindern eine Weste näht. Ganz besonders schmackhaft wird das Erlebnis in der engen Backstube, wenn der Meister eine Extraschicht einlegt und für uns „Amerikaner“ backt oder uns in die Kunst des Brezelformens einweiht.
Die Welt wird durch erfahrene Menschen verständlich, zeugt von ihrer Weisheit und Kunstfertigkeit und ruft Achtung hervor. Im Umgang mit den Alltäglichkeiten des Lebens werden erste Briefe, auch Geschäftsbriefe, verfasst.
Das schriftliche Rechnen nach Kaufmannsart darf auch nicht fehlen. Da werden die Maße durch Abwiegen von z.B. selbstgetrockneten Kräutern oder des Ranzeninhalts erprobt, der Zollstock wird seiner Aufgabe durch Messen der Kindergröße und des Klassenzimmers gerecht.
Ganz nebenbei stellen die Kinder fest, dass sie in 3 Monaten ungefähr 2 cm wachsen. Um dann die eigene Sicherheit beim Kaufmannsrechnen zu prüfen, wird evtl. für die Schulgemeinschaft etwas geplant, produziert und verkauft. Dann naht der große Tag, mit richtigem Geld zu hantieren: Ob die Kasse am Ende stimmt? Alle prüfen es am nächsten Tag im Unterricht nach. Selbstgefundene Textaufgaben, die zu den Sachkundethemen passen, werden begonnen.
Ein bodenständiges Jahr!
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Die Fachunterrichte gestalten dies entsprechend, z.B. wird nun in der Diatonik im Musikunterricht die Notenschrift gelernt, wie auch jeder sein ihm entsprechendes Streichinstrument zu spielen beginnt.
Beheimatung in Raum und Zeit

Die ersten drei Jahre bilden trotz ihrer Weiterentwicklung eher noch eine Einheit. War es im 3. Schuljahr erst ein anfängliches allgemeines Menschheits- und Weltinteresse, so wandelt sich dies in der 4. Klasse. Nun wird die individuelle Umgebung des Wohnortes interessant und die Frage nach dem Menschsein differenziert sich nach dem Ursprünglichen und Einmaligen im vielgestaltigen Erscheinungsbild der objektiver werdenden Welt.
Jetzt lernen die Kinder in der Himmelskunde wie und woran sie sich orientieren können. Die Wahrnehmungen in der Zeit und am Raum werden unmittelbare Hilfe im Finden eines eigenen Standortes auf der Erde. Der Wohn- oder Geburtsort als Heimat reizt mit seiner Geschichte und die Umstände, die die Menschen zu ihrer spezifischen Lebensweise geführt haben. Da werden mit Eltern Ausflüge oder vielleicht eine erste Klassenwanderung mit Übernachtung unternommen, etwa um den Fluss in der Nähe bis zu seinem Ursprung zu begleiten und kennen zu lernen. In diesem Zusammenhang werden die Berufe, die aus der gegebenen Landschaft erwuchsen, neu erfahren, wie das Flößen, Papiermachen, der Weinbau … Aus dem an Ort und Stelle Erlebten, mit all seinen Gerüchen und Farben, die Erinnerungen an die schmerzhaften Blasen an den Füßen…, wird der Prozess zu einer Kartenerstellung schrittweise angeleitet. Aus einem plastischen Sand- oder Tonabbild des Umfeldes oder der durchwanderten Kilometer kann die Landschaft von der Vogelperspektive ins Flächige übertragen werden. Am Schluss liegt ein Plan vor, der allgemeine Gültigkeit besitzt. Aus den vielfältigsten, persönlichen Erlebnissen eines Ortes ist Objektivität geworden, die für jeden gilt. Fragen des Maßstabes spielen eine Rolle und werden z.B. anhand des eigenen Zimmers, des Hauses oder des Schulgeländes geübt. Schön, dass in diesem Schuljahr mit Hilfe der ansässigen Verkehrspolizei die Fahrradprüfung abgelegt wird und zum Abschluss des Schuljahres die Heimatkunde auf Rädern an dem Ort enden kann, an welchem der Fluss, an dem wir entlang wanderten, mündet: bei Speyer.
Mit der ersten Geografie hat das Kind seinen eigenen Stand erprobt. Es kann sich nun als eigene Person der Umwelt gegenüberstellen, ohne sich darin zu verlieren. Dieser Prozess wird durch die Rezitationen des Stabreimes unterstützt. Eine Grundstimmung dieses Jahres ist in einem ausgeprägten, starken Kraftstrom der Zehnjährigen spürbar. Sie hören denn auch von den impulsiven Germanen, ihrer Mythologie und dem Wirken ihrer Helden, die ebenfalls um ihre Individualisierung rangen.
Dem Thema der großen Einheit inmitten einer aufgeteilten Fülle begegnen wir in der Grammatik anhand der Verwandlungskraft einer Stammsilbe, im differenzierteren Unterscheiden des allgemeinen Zeiterlebens und beim Bruchrechnen, handgreiflich, wenn der Lehrer einen mitgebrachten ganzen Stock in lauter aufgesplitterte Teile zerbricht. Mit den Stockbruchstücken wird gerechnet und ein Bruchstück wird zum Bild des Bruchstriches. In den Erscheinungen dieser neuen Rechenart liegen eigentlich die seelischen Realitäten der Viertklässler verborgen: Da gibt es nun lauter verschiedene Einzelwesen („Stammbrüche“), alle einmalig. Jeder hat einen eigenen Namen und seinen Wert. Will man mit anderen zusammenkommen, muss man „auf einen Nenner“ kommen, des anderen Wert annehmen. Auf gleicher Wellenlänge kann man sich nun „gleichnamig“ verständigen. Da aber viele solche neuen Scheingebilde herumlaufen, muss man auch die Kunst erüben, sie auf ihre Originalität herunterzukürzen. Die neuen Spielregeln entpuppen sich als Regelwerk im sozialen Miteinander.
Bescheiden vertieft der Musikunterricht die Fragen des Taktes und übt Bruchrechnen anhand der Notenwerte. In jedem Lied dürfen wir Mathematik genießen. Beim Kanonsingen erklingen innerhalb eines gemeinsamen Zeitraumes die verschiedensten Melodieteile harmonisch miteinander. In Klasse 4 lernen die Kinder darüber hinaus im Klassenorchester zu spielen.
Ein neues Fach in der 4. Klasse ist die Tierkunde. Wenn die Schüler durch die vorangehende Menschenkunde an einem Zipfel erlebt haben, wie einmalig der Mensch ist inmitten der Mannigfaltigkeit der Tierwelt, dann ist damit ein Gefühlsfundament gelegt für die damit verbundene Verantwortlichkeit für dieselbe. Das vermittelte Wissen will nicht nur Kopfinhalt sein, es bildet den Menschen heran.
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In den Fremdsprachen beginnt nun die Grammatik und das Aufschreiben, sowie das sinngemäße Übersetzen. Der eurythmische Unterricht unterstützt das Bemühen um räumliche Darstellungen der Grammatik. Gefühl und Wille müssen sich beteiligen. Dur und Moll, – ein Mehr-außer-sich-sein-können, ein Sich-zu-sich-selbst-zurückfinden beginnen, einen Erlebnisinhalt zu bekommen. Die kleine und die große Terz finden ihre Anwendung.
Der Kreuzstich und andere Stickarten erhalten ihre Bedeutung in der Handarbeit, und im Turnen ertüchtigt sich das Kind in der Fülle neuer Geräte (Leitern, Taue, Ringe, Pferd, Bock und Sprunggeräte).
Das Welt- und Selbsterleben eines 11-jährigen findet sich im Fächerkanon der 5. Klasse entsprechend wieder. Dieses Schuljahr ist meist von einer großen Geschmeidigkeit und Harmonie geprägt, steht es doch zwischen dem konsolidierenden Fundament der Grundschulzeit und der schon wetterleuchtenden Pubertät darinnen. Als ein zu-sich-selbst-gefundener Teil steht das Kind inmitten der Welt. Es kann diese als Gegenüber gelassen, jedoch mit feinsinniger Empfindung auf sich wirken lassen. Das Geflecht der Beziehungen in Allem rückt ins Bewusstsein. Es ist nicht mehr die Kraft, sondern die Schönheit und Stimmigkeit, die beeindruckt.
Die Gemeinschaft wird nicht mehr als eine Zusammenfügung einzelner dominierender Teile erlebt, sondern von der anderen Seite: Als ein „Wir“. Der Einzelne gewinnt seine Stellung nicht durch seine individuelle Ausgeprägtheit, sondern durch den Stellenwert seiner Fähigkeiten in der Gruppe. Erste gleichwertige Überblicke über größere Abschnitte in Raum und Zeit können nun gelingen.
Auf dem Gebiet der Erdkunde ist es der Überblick über größere Landschaften Mitteleuropas. Erlebbar in seiner ganzen Fülle und Gegensätzlichkeit von Meer und Gebirge, Klimaeingebundenheit und deren Wirkungen auf die Pflanzen- und Tierarten. Ja, wie lebt man da mit den gegebenen Voraussetzungen der Erde, des Wassers und der Sonnenverhältnisse? Wie gestalten sich der entsprechende Menschenschlag und die sozialen und wirtschaftlichen Lebensbedingungen daraus? Was geschieht in der Begegnung der Gegensätze? Nun kann auch der Atlas eingesetzt werden, um das Gelernte zu suchen und durch Malen und Studieren zu vertiefen.
In der ersten Geschichte sind es nun nicht mehr nur einzelne Menschenpersönlichkeiten in ihrem erlebten Schicksal, sondern ganze Zeitepochen werden betrachtet: Die alten orientalischen Kulturen mit ihren spezifischen Stimmungen, Gepräge und Leistungen für die Menschheit. Menschenschicksale wirken darin wie konturgebende Gestalten (von Buddha bis Alexander dem Großen). Wie greift eine Kultur die vorangehende auf? Was lebt bei uns noch von ihnen? Herrlich, wenn auch die fremdländischen alten Sprachen gesprochen werden! Die ersten demokratischen Versuche – erlebt man sie nicht jeden Tag mit den Fünftklässlern?
Dasselbe Thema in die Grammatik übersetzt, bedeutet: „Was empfange ich von anderen, was vollbringe ich selber? Wo tue ich aktiv etwas, wo erleide ich es passiv mich ergebend? Wo spreche ich Eigenes, wo übernehme ich eine fremde Meinung? Die Arbeit an der Sprache schult somit unausgesprochen die Genauigkeit der Wiedergabe. Wo ein Subjekt gerade steht, in welchem Verhältnis zu anderen, behandeln die vier Fälle.
Die neu als Fach hinzukommende Pflanzenkunde gibt Orientierung über die niederen Pflanzen von Pilzen, Schwämmen, Flechten, Moosen, Farnen , Schachtelhalm, Nadelbäumen und die Blühpflanzen der Streifen- und Netzblättler, stets im Zusammenhang mit den Erdverhältnissen und Lebensbedingungen. Es bedarf der Feinfühligkeit eines Fünftklässlers, um in die zarten Unterschiede lebhaft eindringen zu können.
Die Geometrie lässt freihändig alle Verwandtschaftsverhältnisse der geometrischen Formen erleben, die durch das Formenzeichnen der vergangenen Jahre künstlerisch geübt wurden. Innerlich können die Kinder jetzt die Familie der Drei- und Vierecke schrittweise variieren und dadurch ihr Empfindungs- und Vorstellungsvermögen, wie auch die Schönheit am Raum schulen. Die Fünftklässler erleben sich im Übergang vom Tun zum gedanklichen Durchdringen einer Sache.
Was auf dem Gebiet der Mathematik in der 4. Klasse begonnen wurde, wird bis zum Dezimalbruch erweitert. So wie ein Bruch immer eine Beziehung von Einem zum Anderen ist, so benötigt diese Rechenart ebenfalls die Fähigkeit des einerseits Beibehaltenkönnens eines Beziehungspunktes, aber auch eines daheraus regelgerechten Gliedernkönnens. Im Sozialen ist das die Ebene zwischen ICH und WIR.
Vergleiche durch inneres Abwägen, Abschätzen, zielsicheres Urteilen sind es, die im Pythagoräischen Lehrsatz zum Höhepunkt gelangen. So kommt immer das Dazwischenliegende, das Verbindende ins Erleben und wird in allen Fächern trainiert (ein „Muskeltraining“ der besonderen Art)!
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Ist es da noch verwunderlich, dass dieses Training der Beziehungen anmutig im Turnen und der Eurythmie fortgesetzt wird? In der Eurythmie mehr in Anlehnung an die Geometrie und Geschichte (Fünfsternübungen, Erarbeiten von fremdländischen Dichtungen), das Turnen vertieft mehr das antike Ideal der griechischen Olympiade durch Laufen, Springen, Kämpfen, Werfen.…: Das Einsetzen der vollen Kraft des Einzelnen für die Gruppe. Im Verbund mit mehreren Waldorfschulen (Mannheim, Frankenthal, …) eine festliche Gelegenheit für Kinder, Eltern, Lehrer!
Wie sich eine einzelne Masche in den harmonischen Bund einer sich schließenden Runde hineinstellt, bei der jede einzelne von existenzieller Wichtigkeit ist, erleben die Schüler hautnah am Stricken von Strümpfen. Vorher werden hier die tatsächlich gegebenen Maßverhältnisse der Füße abgenommen.
Das Gefüge der Tonarten in der Musik legt die ganze Klaviatur frei, in der die kindliche Seele nun spielen möchte, mal in mehr aktiv freudigem Erleben, später mehr in gefühlstiefem Erleiden. Mit seinem Instrument kann man nun auf Basis freiwilliger Projekte im „großen“ Orchester mitwirken.
Die Sprachen versuchen sich in die andersartigen, sprichwörtlichen oder redensartigen Schätze einzuleben, in Relation zur alltäglich gebräuchlichen Handhabung im Deutschen.
Straffung und kausale Zusammenhänge
Wie die 5. Klasse auf allen Ebenen das Erlebenwollen eines noch farbenfreudig schillernden, bewegungsreichen und lebendigen „Muskelspiels“ zwischen den Einzelnen und der Gruppe war, so verblasst und „verarmt“ nun alles scheinbar im Schritt auf die 6. Klasse und die folgenden Jahre: Alles wird nüchterner, vernunftsorientierter, „sklerotisiert“ etwas. Die Bewegungen der 12-jährigen verlieren ihre Anmut und Schönheit, werden zunächst willkürlicher, drahtig und eckig, sowie ungeschickter. So beginnt der Kreuzzug der Flegeljahre. Die seelische Fülle will bewusster gefasst und ergriffen werden, muss jedoch durch Extreme und durch schwebende Zustände der pubertären Unsicherheit hindurch. Die leblose Welt gerät damit haltgebend ins Blickfeld. Jetzt will das Verbindungsgeflecht dazwischen nicht mehr nur erlebt werden, sondern auch den Gedanken Befriedigung geben. Die Zusammenhänge des Lebens wollen durch Kausalitätsbezüge begriffen werden. Nicht mehr der Glanz vermittelt das Schöne, sondern die Exaktheit. Die Unterrichte üben genaues Wahrnehmen und das Entwickeln eines klaren Denkvermögens. Eine Gratwanderung beginnt zwischen dem Nichtunterscheidenkönnen einer Wertigkeit und verschiedenen Phänomenen einerseits oder dem Abheben in haltlosen Spekulationen andererseits.Vollziehen wir stets den Schritt vom 5.- zum 6.-Klässler:
| 5. Klasse | 6. Klasse | Handhabung | |||
| Eintauchen in die noch geordnet erlebte Fülle | > | Drang nach Verobjektivierung im beginnenden Gefühlschaos | > | lernen durch: | |
| Grammatik | Erleben des Tuns des Anderen und an einem selber in Aktiv und Passiv | > | Durch Verselbständigung des Fühlens wird alles abstrakter, unrealer, ungewisser, unsicherer | > | Indikativ / Konjunktiv |
| Geschichte | Im Beziehungsfeld der Gemeinschaft, Mehrheit, Demokratie | > | Die Rechte des Einzelnen | > | Römische Heldensagen |
| Erste Überblicke über größere Zusammenhänge | > | Kausalitätsbedürfnis | > | Wesensart des Römertums, ihre Geschichte, Architektur, weltherrschaftliche Nachwirkungen! | |
| Fülle erleben wollen | > | Gemüthaftes individuell handhaben lernen | > | Mittelalter (Mönchstum, Papst/Kaiser) Missionarisierung, Islam… | |
| Rechnen | Bruchrechnen als “Spielregeln” des Lebens | > | Andocken an Sachbezüge | > | Prozent/Zinsrechnung … Formeln mit allgemeinen Zahlen der Algebra. |
| Geometrie | Freihändiges Variieren, Überblick verschaffen | > | Exaktheit, zu Grunde liegende Gesetzmäßigkeiten | > | Mit Zirkel und Lineal konstruieren, Beweise verfassen, Anleitungen zum Konstruieren. |
| 1. Physik | Musik erleben | > | Drang nach Verobjektivierung, bewusstes Erfassenwollen von Zusammenhängen | > | Akustik (Schwingungslehre) |
| Malerei in Form und Farbe | > | ” | > | Optik (Schattenlehre, Lichtbrechungen, Spiegelphänomene –> Camera obscura) | |
| Allgemeines Wärme- und Kälteerleben … | > | ” | > | Thermik, Magnetismus, Reibungselektrizität | |
| Geografie | Überblick über große Zusammenhänge, Ineinanderspiel erleben | > | Beziehungsgeflecht verstehen wollen | > | Beziehungen/Ströme auf der ganzen Erde … |
| 1. Mineralogie | > | Interesse an lebloser Welt | > | Gebirgsformen > Fels > Stein > Mineral | |
| Botanik | Zusammenhänge erleben wollen | > | Zusammenhänge verstehen wollen | > | Jahreskreislauf von Pflanzenfamilien |
| Zoologie | Organsysteme der Tiere … | > | Extremformen im Tierreich: | > | Elefant … Känguruh … Robbe … Schlange … Schildkröte … |
| > | “Sklerotisierung” | > | Insekten | ||
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| Eurythmie | eigene Harmonie anhand des Fünfsterns … | > | Beziehungen von einem Ton zum anderen … | > | Intervalle und Raumformen … |
| Turnen | Muskelspiele, Wettkämpfe, Olympiade | > | Einleben in die leblose Welt … | > | Knochensystem betätigen. Speerwerfen, Stabhochsprung … |
| Handarbeit | Eine Masche im Verbund (Strümpfe) | > | Versachlichung, Kausalitätsbedürfnis | > | Schnitte von Bildern abnehmen |
| 1. Gartenbau | > | ” | > | Pflegemaßnahmen bei der Bodenbearbeitung … | |
| 1. Werken | > | Strafferwerden der Muskeln … | > | Sägen, Spalten, Schneiden … | |
| Zeichnen/Malen | Farberleben | > | Versachlichung | > | Zeichnen mit Kohle … |
| Musik | Tonartenfülle | > | Eigenes Innenleben. Versachlichung | > | Molltonarten, Instrumentenkunde |
| Fremdsprachen | Veränderung des Einzelnen im Ganzen … | > | gezielteres Übersetzen | > | kompliziertere Syntax, humorvolle Lektüre, Landes- und Volkskunde |
Im Feuerwerk der Gefühle

Der Pubertätsprozess steigert sich im 7. Schuljahr zu: „Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt“, – von einem Gefühl ins nächste taumeln, mitgerissen werden und sich selber noch nicht im Griff haben. Die Erwachsenen sind oft Blitzableiter. Zu der seelischen Umtriebigkeit kommt eine leibliche Schwere hinzu. Der Lehrplan spiegelt die wechselnde Fülle der Gefühle und ihre Ausdrucksmöglichkeiten auf vielen Gebieten und lehrt dadurch mit dem „Feuerwerk“ umzugehen.
Der Deutschunterricht greift u.a. die kunterbunten Gefühlsnuancen durch die Ausdrucksformen der Sätze auf. Bewusstwerden können dem Siebtklässler seine Wünsche, sein Staunen, Verwundern, Erschrecken, seine Resignation…, indem er damit sprachlich umgehen lernt. Auch die Satzteile werden analysiert. Die lebhafte Fülle von verschiedenen Völkern bringt so manche Volkseigenschaft zum Ausdruck. So spannend und lebensnah repräsentieren sich Empfindungsweisen im Großen!
Die spontane Ideenfülle, ein intuitiver Erfindergeist und so mancher Protest gegen Autoritäten, welche aus dem 13-Jährigen herausbrechen, finden ihr Pendant im Geschichtsunterricht (15. Jhdt. – 17. Jhdt.). Das Behandeln des Zeitalters der Entdeckungen und Erfindungen sowie des naturwissenschaftlichen Aufschwungs bringt die Bedeutung dieser stets regsamen Zeit als Vorbereitung einer „Neuzeit“ zum Bewusstsein und achtet sie als notwendigen Schritt.
Die Geografie vertieft das Interesse an der Außenwelt (Asien, Afrika oder Amerika), verbindet zeichnerische Darstellungen aus allen möglichen Blickwinkeln (z.B. von Karten, Profilen, Graphiken, Niveauunterschieden, Landschaften, Gebärden) und Schilderungen über Menschen, Tiere und Pflanzen. Faktenkenntnisse werden gefordert in Hinblick auf die Betrachtung der ganzen Erde. Das Leben in verschiedenen Zeitzonen zeigt oft verblüffende Neuigkeiten im „normalen, ach so tristen Alltagsleben“. Eine seelische Verbindung mit den anderen Lebensweisen unterstützen kleine Handarbeiten oder ein kulinarisches Gericht oder Gebäck im Landestypus.
Was der Geschichtsunterricht anschlug, vertieft der Physikunterricht auf allen bekannten Gebieten bis zum Verständnis und der Anwendung in den Erfindungen der alltäglichen Dinge. Welterleben und Verstehen gehen Hand in Hand und erscheinen nicht als Theorie. Sie geben der vibrierenden Seele Halt und Sicherheit. Die Phänomene werden verstanden und bis in die wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen hinein verfolgt. Staunenswert wird da die Mechanik mit ihren Hebelgesetzen, die die ganze Welt der „Kleinigkeiten“ von Brechstange, Zange, Schere, Waage, Wippe und Schraubenschlüssel erst in ihrer Größe verdeutlichen. Und dass der Bizepsmuskel im Arm des Menschen gleichen Prinzipien gehorcht? – (ebenso: Schiefe Ebene, Wellrad, feste und lose Rolle, Rad). Die Akustik und Optik tut Selbiges über die Phänomene am Monochord, den Prismen, Linsen und Spiegeln, hin zu den Anwendungen im Auto- und Rasierspiegel, Fotoapparat, Fernrohr oder Mikroskop und im Menschen selbst bei der Besprechung des Ohres, Kehlkopfes (und Auges: 8. Klasse). Mit Toaster, Tauchsieder, Bügeleisen und der magnetischen Wirkung des elektrischen Stroms und seiner Sichtbarmachung endet die Elektrizität.
Durch eindrucksvolle Wahrnehmungen, Erfahrungen und ergänzenden Schilderungen im Chemieunterricht leben Verbrennung und Auflösung in Wasser und die Charaktere von Säure, Lauge sowie Salze auf. Hautnah, jedoch unausgesprochen erleben die Pubertierenden an diesem neuen Fach, was sich in ihrem Inneren tut: brennt, langweilt oder niederschlägt. Kalkbrennen (eventuell erweitert durch Fabrikbesuche eines Betonwerkes) schließt an der Mineralogie des Kalkes und der Geographie der Gebirgszüge an. Die Schwefel- und Phosphorverbrennung wird bis zum Verständnis der Zündhölzer getrieben, sowie Betriebs‑, Erwerbs- und Verkehrsverhältnisse einbezogen.
Auch die Themen der Ernährung (Eiweiß, Fett, Stärke, Zucker), damit verbunden Gesundheits- und Krankheitsaspekte werden in die größeren Zusammenhänge der Wirtschaft und der geographischen und naturkundlichen Gegebenheiten gestellt. In Überlegung befindet sich ein Küchenpraktikum in der angegliederten Kindergarten- und Hortküche.
Das allgemeine Raumbewusstsein wird durch die Astronomie und Wetterkunde erweitert. Wolkenarten und andere Wettererscheinungen treffen wieder auf innere Erlebniszustände und werden bis zum Wetterkartenlesen vermittelt. Entsprechend werden in der Sternenkunde die Fülle der Sternbilder, ihre verschiedenen Stellungen auf der Erde, wie auch die Phänomene des Frühlingspunktes, Mondphasen in Verknüpfung mit Ebbe und Flut, sowie Sonnen- und Mondfinsternis, Erkennungsunterschiede von Fixstern und Planet, sowie ihre heliozentrischen Bahnen besprochen. Künstlerische Ausgestaltung bekommt ihren Platz beim Malen der Sternenbilder.
Durch numerisches und algebraisches Rechnen lernen die Siebtklässler, die allgemein gültigen Rechenregeln anzuwenden und wiederholen sie dadurch gleich. Gut, dass man anhand der Buchstaben anonymer sein kann, macht man sich in diesem Alter nicht oft die Freude als großer Unbekannter aufzutauchen, selber die Fäden in der Hand zu haben und dennoch bis zum Ende für alle ein Rätsel zu sein? Nichts anderes geschieht beim Lösen von Gleichungen.
Wie harmonisch muss ein Gebilde sein, damit ein Außenkreis oder Innenkreis passen? Übertragen: Wie muss ich sein, damit in einer harmonischen Welt eine exakte Mitte sein kann? Wie anders dagegen wirken verzerrte Gebilde? Die schönsten Gebilde fallen nie aus der Welt heraus! Fragen der Geometrie! Durch Scherung können Formverwandlungen nun planmäßig konstruiert und bewiesen werden.
Das Zeichnen greift die fließenden Übergangserlebnisse auf, wenn alles ins Einerlei verschwimmen will: Durchdringungen, Verkürzungen, Überdeckungen. Durch die Perspektive sind sie exakt niederzulegen. Künstlerisch nehmen sie Gestalt an in Alleen Stadtbildern, Innenräumen, Treppenaufgängen. Optische Täuschungen – eine Freude, aber auch ein Abbild so manches Seelenzustandes.
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Die Fachunterrichte finden jeweils ihre Anknüpfungspunkte zu den Themen der Hauptfächer:
Die Musik greift fremdländische Lieder auf, aber auch aufgewühlte oder erschütternde Seelenstimmungen in den Balladen. Intervall‑, einfache Formen‑, und Anfänge der Harmonielehre sollen Handwerkszeug geben zum Bilden eines musikalischen Urteils.
Äußere Darstellung von Seelengesten übt die Eurythmie, wie auch Tonstücke in Dur und Moll mit Intervallgebärden.
Das Turnen knüpft an die Physik an mit Übungen, die stärker die Hebelgesetze im Menschen bestätigen. Spezielle Anforderungen erfordert die schwerer werdende Leiblichkeit. Hochsprung und rhythische Übungen mit Schwungring, Bock, Kasten, Pferd und Reck wirken diesem entgegen.
Die Handarbeit versucht die seelische Labilität auf die Füße zu stellen. Schuhe werden von Hand mit der Zwienaht genäht, die ein hohes Maß an Konzentration abverlangt, jedoch wunderbar harmonisiert.
Der Gartenbau gibt selbständige Aufgaben an die Hand, die zum Teil große Kraft oder feines Fingerspitzengefühl verlangen; genaue Pflanzen- und Gehölzkenntnisse werden geübt.
Im Werken wird die Gestaltung von Hohlräumen (Innenräumen), Gefäßen vertieft und dem spielerischen, unbekümmerten Gehabe in beweglichem Spielzeug der exakte Umgang mit der Hebelmechanik zu Grunde gelegt. Keine „Luftnummern“ soll es geben, sondern funktionierende, sich lustig bewegende Spielereien.
Die Fremdsprachen zielen auf Rede und Gegenrede, Balladen und dramatische Lektüre, Anekdoten, unter Einbeziehung geschichtlicher, kultureller und sozialer Aspekte. Gemeinsame Rezitationen wirken der schwerfälligen Sprache entgegen.
Entwicklungsschritte ins Jugendalter: Selbstständiges Urteil, gegründet auf realistischen Phänomenen
In den Pubertätsturbulenzen und in der Art und Weise, wie die seelische Fragilität durch den Unterricht bearbeitet wurde, erscheint der Lehrstoff der 8. Klasse wie die zusammenfassende Oktave aller acht Schuljahre. Von der Kindheit kommend, werden die Achtklässler zur Jugend übergehen, seelisch und leiblich gereift. Viele Lehrer hatten die Schüler über lange Zeit im Unterricht und staunen, wie sie sich entwickelt haben.
Das Eine oder Andere kann von den einzelnen Schuljahren aufgegriffen werden und durch ein Theaterspiel, Jahresarbeiten oder durch eine Abschlussfahrt gewürdigt werden: Für jede Schule feierliche Momente! Am Ende des 8. Schuljahres ist auf allen Gebieten des Künstlerischen, Naturwissenschaftlichen und Handwerklichen ein solides Fundament geschaffen, bei dem sich der Schüler stets als sinnvoller Teil in der Welt erlebt hat, da er sich stets anhand der Lerninhalte verstanden gefühlt hat.
Die Grammatikübungen verbinden das Erkennen der Fülle von Satzteilen, Nebensatzarten, Interpunktion und Objekten in verschiedenen Fällen mit der qualitativ erlebbaren Bildlichkeit der Sprache (in Form von Metaphern, Hebung durch poetische Begriffe, metaphorische Ausdrücke und Erzählstile). Hat der Achtklässler im 1. Schuljahr die bildhafte Einführung der Buchstaben erlebt, so handhabt er nun selber den künstlerischen Ausdruck durch die Bilder der Sprache. Schöpferische Kräfte setzt er dadurch frei.
Der Geschichtsunterricht soll thematisch bis in die Gegenwart führen. Etappen sind: kulturelle Entwicklung und industrielle Revolution (anhand der Dampfmaschine und des mechanischen Webstuhls), französische Revolution, Absolutismus, Menschenrechte und soziale Problemstellungen der Gesellschaft.
Acht Jahre Rechnen haben das Fundament gelegt für einen immer sicherer werdenden Umgang mit der Algebra. Hinzutretende neue Rechenarten sind die „Oktave“ des Multiplizierens und Teilens (Potenzieren, Radizieren) und das Rechnen mit negativen Zahlen. Auch bei den Gleichungen wird das gesamte Register von ganzen Zahlen, Brüchen, Klammern, Algebra und negativen Zahlen gezogen. Dabei werden die klaren Denkkräfte und die Flexibilität enorm geschult. Die Geometrie stellt das Wurzelziehen in ihren Dienst anhand des pythagoreischen Lehrsatzes mit dem Katheten- und Höhensatz.
In der Physik erhalten alle sechs bisherigen Teilgebiete ihre abschließende Krönung. Die Hydraulik ist nun das Hauptthema der Mechanik und führt an das Verständnis von Hoch- und Tiefdruckgebieten des Wetters heran. Die elektrische Klingel, Telegraphen- und Morseapparat, Relaisschaltungen und der Bau eines Elektromotors sind Höhepunkte in der Elektrizität.
Eiweiß, Fett, Stärke und Zucker werden in der Chemie nun nachgewiesen und die Herstellung von Kunstseide, Zucker, Seife und Papier besprochen, in Betrieben gegebenenfalls besichtigt oder selbst experimentell erprobt.
Die Anatomie beschäftigt sich mit dem Bewegungsapparat des Menschen, also Knochen- und Muskelmechanik, und dem inneren Bau des Auges. Welche architektonischen Kräfte besitzt doch der Mensch selber? – Durch künstlerische Zeichnungen (nur aus den Elementen der geraden und gebogenen Linie – auch ein Lerngebiet der 1. Klasse) kommt die Schönheit zum Vorschein und wird die dreigliedrige Gestalt wird nacherlebt.
Themen aus anderen Feldern fließen ein: Chemie, Physik, Ernährungslehre und wenn die Geografie alles weiterführt ins Kulturelle und Völkerkundliche, dann erlebt der 14-jährige eine Welt, die einheitlich ist, in der jedes Wesen seinen sinngebenden Platz hat, nicht zuletzt der Mensch.
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Mit der neuen Situation des Stimmbruchs tritt für das Singen in der Musik eine Schwierigkeit auf, die durch Balladen, die Suche nach der Wahrheit, die Themen Einsamkeit, Individualisierung und Tod aufgreift. Musikerbiographien verdeutlichen das Ringen um die menschliche Existenz in der Auseinandersetzung der Weltnöte und der Suche nach Idealen.
Die Eurythmie bringt alles Gelernte der acht Jahr zur Blüte, oft erlebbar in eigenen Choreographien musikalischer Variationen. Sprünge, starke Beugungen und Streckungen werden getätigt.
Das Turnen hilft bei der Schwereüberwindung mit Stütz- und Schwingübungen, Leichtathletik und Kugelstoßen. Gemeinsame Hand- und Basketballspiele sind ein Muss.
Die Handhabe einer Nähmaschine wird in der Handarbeit gelernt: sowohl der Mechanismus durchschaut als auch betrieben und über die Entstehungsgeschichte und die soziale Bedeutung gesprochen. An einfachen Nutzdingen werden gerade Nähte geübt (manchmal Turn- oder Handarbeitsbeutel für die Erstklässler) und später eigene Kleidungsstücke angefertigt. Auch das Stopfen, Flicken und Bügeln wird erprobt.
Im Gartenbau werden die Schüler in die Planungen miteinbezogen und sollen nun selber die Durchführung handhaben. Stauden werden vermehrt und der Garten als Ganzes immer mehr bearbeitet.
Im Werken geschieht ähnliches: etwas Sinnvolles soll ausgesucht und geschaffen werden, vielleicht mit leichten Hobelarbeiten.
Die Fremdsprachen, die seit der 1. Klasse begonnen wurden und zunächst in die fremde Klangwelt eintauchen ließen, lassen nun gedankliche Auseinandersetzungen anhand von Biografien, Texten zu Schicksalsfragen, Idealen und Menschenwürde zu. An der Syntax und Formenlehre wird geschliffen, sowie das Benutzen von Wörterbüchern erübt.
Das Sachzeichnen verbindet nun die Fülle der Farben mit dem räumlich Exakten der Perspektive: Gegenstände nach der Natur werden abgezeichnet, gerne auch technisch geformte Dinge mit großer Detailtreue. Geübt wird das Anfertigen von Kopien bedeutender Meister, z. B. Albrecht Dürers.
Hier erhalten Sie in Kürze Informationen zur 9. Klasse
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